

Seit 1886 steht sie mit grandiosem Seeblick auf einer der Gletschermoränen Zürichs: die Schweizerische Epilepsiestiftung. Die Weiterentwicklung ihres Angebots erfordert eine Verdoppelung der Nutzfläche und damit eine bauliche Ergänzung des gewachsenen Gebäudeensembles. Die Verdichtung ist im direkten wie im übertragenen Sinn eine Gratwanderung. Im "Klinikviertel" Zürichs, in einem landschaftlich höchst exponierten Raum und einem bedeutenden Quartierfreiraum inmitten eines umkämpften Entwicklungsgebiets gelegen, orientiert sie sich einerseits an den historischen Strukturen und andererseits an der Moränenlandschaft mit der markanten Krete.

Im Stadtteil Lengg konzentriert sich ein grosser Teil der medizinischen Infrastruktur Zürichs auf einer uralten Gletschermoräne, die eine spannende, schützenswerte Landschaft hervorgebracht hat. Hier treffen gegensätzliche Interessen aufeinander: Einerseits soll der "Gesundheitscluster Zürich-Lengg" als Standort der Spitzenmedizin gefestigt und erweitert werden. Andererseits sollen die wertvolle Moränenlandschaft, der Blick auf den See und der Naherholungswert der Lengg nicht weiter beeinträchtigt werden. Der Masterplan Lengg gibt die Richtung der Gesamtentwicklung vor. Die Schweizerische Epilepsiestiftung EPI liegt im landschaftlich wohl attraktivsten und sensibelsten Teilgebiet des Masterplans. Dem will sie mit einer umsichtigen Entwicklung ihres Areals Rechnung tragen.
Gesundheitsdorf in der Stadt
Das historische Hauptgebäude der EPI von 1886 wurde baulich immer wieder ergänzt. Im Wesentlichen entstanden die heutigen Grundstrukturen in zwei Phasen: Der Gründungsphase, aus der insbesondere das denkmalgeschützte Haupthaus stammt, und dem ersten Schritt der Verdichtung aus den 1970er Jahren gemäss dem "Generalbauprogramm" von Bruno Giacometti. Neben der Klinik und einem Wohnheim mit Ausbildungsmöglichkeiten beherbergt das Areal heute ein Seminarzentrum, eine Spitalschule, ein Jugendheim, Wohngruppen mit Arbeitsmöglichkeit, aber auch Therapiegärten, therapeutisch genutzte Tieranlagen und verschiedene Wohnhäuser.
Das teils geschützte Gebäudeensemble liegt in einem Park, der weniger Landschafts- als vielmehr "Landwirtschaftspark" ist – mit Wiesen und Wegen, Gärtnerei, Obsthainen, Tiergehegen und unverbautem Weitblick über den Zürichsee: eine fast dörflich anmutende Situation im städtischen Umfeld. Der Freiraum ist prägender und bedeutender Teil einer Anlage, die den Langzeitbewohnern wie auch den temporären Patientinnen, dem Klinikpersonal wie auch dem Freiraumbedarf des umgebenden Quartiers gerecht werden muss – letzteres insbesondere, weil sich die Umgebung rasant entwickelt.















Verdichtung als Qualitätstreiber
Die Analyse im Zuge der Testplanung schälte heraus: Alle Zutaten für die Entwicklung sind da und nichts davon ist verzichtbar: Unten der offene Hang zum See; oben, gegen den Klinikcluster, das bislang locker bebaute Plateau mit seiner zaghaften Adressierung an der Bleulerstrasse; dazwischen die Krete mit ihrem Weitblick, von wenigen historischen Baukörpern akzentuiert; und schliesslich, unterhalb des Hangs, die Wohnhäuser. Das grosse Potenzial liegt in der Schärfung dieser Räume, ihres Charakters, ihrer Typologien und Bezüge untereinander. In der Verdichtung liegt also nicht nur die Gefahr des Verlusts von Freiraum, sondern zugleich die Chance einer substanziellen Aufwertung.
Hier setzt der Masterplan an: Dichte wird dichter; freiräumliche Weite bleibt erhalten und wird zugänglicher; räumliche Grenzen werden klarer und stärken damit die unterschiedlichen Identitäten der Räume; die markanten landschaftlichen Elemente der Anlage – allen voran die Krete, der offene Hang und der Bach an der Bleulerstrasse – gewinnen weiter an Präsenz.
Dramaturgie der starken Räume
Die Stärkung der Gegensätze im Areal erhält bestehende Qualitäten und schafft neue: Die bauliche Verdichtung findet auf dem ohnehin bereits bebauten Plateau statt. Sie beginnt erst hinter der Krete und hat zwei differenzierte Gesichter: Eine vielfältige, zurückhaltende Silhouette zum offenen Hang, der ungeschmälert erhalten bleibt, und eine kraftvolle, urbane Bebauungslinie zum Klinikcluster. Auf dem Plateau liegen die Klinikerweiterung und weitere Alt- und Neubauten, von Plätzen untergliedert, in angenehmer Dichte. Sie schaffen nicht nur die nötige Nutzfläche, sondern auch klare räumliche Schnittstellen, die alle angrenzenden Räume stärken.
An der Bleulerstrasse erhält das EPI-Areal, analog den anderen grossen Institutionen des Gesundheitsclusters, seine gut sichtbare, städtebaulich prägnante und architektonisch selbstbewusste Hauptadresse, zu deren Eigenart auch die Integration des Bachs beiträgt. Zum Hang hin bildet die Kretenpromenade das freiräumliche Rückgrat der Anlage und den Auftakt zum landwirtschaftlichen Park. Sie führt von der Bleulerstrasse bis zur Südstrasse – vorbei an historischen Gebäuden, Aussichtspunkten und Sitzgelegenheiten mit Blick über Hang und See: eine sanfte Aufwertung, die dem markantesten Freiraum der Anlage angemessene Präsenz verleiht, während der Hang selbst als vielfältige, flexibel nutzbare Landschaftskammer erhalten bleibt.
Raum fürs Quartierleben, Leben für den Klinikalltag
Als neues Element kommen mit der baulichen Verdichtung des Plateaus die Grünzüge ins Spiel: Sie durchziehen das verdichtete Plateau mit hochwertigem Grünraum und weisen zugleich Gästen aus dem Quartier den Weg in den "Landwirtschaftspark". Trotz mehr Dichte entsteht so mehr Offenheit. Der Freiraum wird für das Quartier zugänglicher, das Quartier verhilft dem Klinikareal zu mehr Leben und Integration in den Stadtalltag.
Der Masterplan stellt der baulichen Verdichtung ein inhaltlich-gestalterische Verdichtung entgegen. Dank der Stärkung der Teilräume in ihrer Eigenart und Gegensätzlichkeit fügten sich neue und alte Elemente zu einem Gesamtbild: Funktional, wohltuend, lebendig und offen für alle – ein Win-Win zwischen Quartier, Sozialraum, Naturraum und Klinikareal. Die medizinische Enklave wird zum Quartierteil mit medizinischem Fokus. Die Landschaft ist dabei mehr als das schöne Panorama: Das städtebauliche Konzept nach landschaftlichen Prinzipien zollt dem einzigartigen Ort Respekt.