Wohnen Huebergass, Bern

Landschaft, Nachbarschaft, Genossenschaft

Situationsplan

Im Berner Stadtteil Holligen geht man neue Wege des genossenschaftlichen Wohnens: An Stelle eines städtischen Familiengartenareals sind über 100 preiswerte, nachhaltige Wohnungen – und im Gegenzug ein Stadtteilpark – entstanden. In der Entwurfsphase stand eine integrative Stadtteilplanung vor der eigentlichen Objektplanung und der partizipative Prozess vor dem durchgestalteten Raum. Der transdisziplinäre Ansatz schloss die bauliche Lücke neben dem Schloss Holligen mit einem Projekt, das die Nachbarschaft, die Bewohner und auch die Landschaft berücksichtigt. Der richtungsweisende Kunstgriff war dabei eine altbekannte Typologie: Die Gasse.

Chronologie:
Wettbewerb 2017, 1. Rang, Fertigstellung: 2020
Auftraggeber:
Ausloberin Wettbewerb (Park und Wohnbebauung): Direktion für Finanzen, Personal und Informatik, Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik; Bauherrschaft: WBG (Wohnbaugenossenschaft Huebergass)
Zusammenarbeit:
Architektur: GWJ Architektur; Sozialraumplanung: Martin Beutler
Das 'Mistwegli' zwischen dem Gemeinschaftsgarten der Huebergass und den angrenzenden Privatgärten.

Planungsprozess als Gamechanger

Ein ungewöhnlicher Prozess machte ein aussergewöhnliches Projekt möglich: Wo normalerweise zunächst ein (genossenschaftlicher) Investor gewählt und dann der Wettbewerb ausgelobt wird, wurde hier der Planungswettbewerb für die privaten Wohnbauten und den öffentlichenen Park gekoppelt und mit dem Investorenwettbewerb verknüpft. Städtebau, Freiraum und Architektur wurden von Beginn an als zusammengehöriges Ganzes in einem umfassenden, komplexen partizipativen Prozess entwickelt. Am Anfang standen die Fragen: Wie können die neue Siedlung und der Park grundsätzlich zum Quartierleben beitragen? Und wie können sie das für alle Beteiligten am besten?

Wohnen als Entwicklung

Die Antwort waren zwei dichte Bauzeilen, die sich im Norden des Areals in das Wohnquartier eingliedern – was im Süden, zur Landschaft hin, den grossen öffentlichen Freiraum möglich machte. So entstanden zwei voneinander unabhängige Aussenraumzonen, Park und Wohnumgebung, die eines gemein haben: Beide wurden nicht als fertig gebauter Raum geplant, sondern als Grundgerüst, das erst im Aneignungsprozess zu seiner definitiven Gestalt findet. Das erforderte in der Wohnumgebung eine neue Funktion: Einen fest angestellten Siedlungsgärtner, der nicht etwa die Anlagen pflegt, sondern ihre Nutzung und Pflege durch die Anwohner laufend moderiert.

Park als Versuchsanordnung

Im Park wurde ein noch ungewöhnlicherer Weg eingeschlagen: Ehe der definitive Park realisiert wird, wird er im 'Vorpark erprobt – in einem ebenfalls professionell moderierten Parzipations- und Aneignungsprozess, aus dem überzeugende, funktionierende Elemente später in die definitive Parkgestaltung übernommen werden. So ist eine Parkgestaltung möglich, die Nutzungsbedürfnisse nicht vorab erraten muss, sondern viele davon schon aus der Realität kennt. Mit einfachen Mitteln, etwa dem Aushub einer nahen Baustelle, wurden dafür temporäre Park-Grundstrukturen angelegt.

Isometrie der städtebaulichen Konzeption - innenliegende Gasse und nach Süden orientierter Park
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Wohngasse statt Wohnsiedlung

Die Erfindung am Wohnungsprojekt war die Besinnung auf eine alte städtebauliche Typologie: Gebaut wurde nicht eine weitere Siedlung, sondern eine von Längsriegeln gefasste Gasse in Verlängerung der bestehenden Quartiererschliessungen. Plätze bilden die Anschlusspunkte an den Strassenraum und an die Nachbarschaft, die Gasse selbst ist Begegnungs- und Spielraum der Anwohnenden. Provokativ konsequent umgesetzt wurde das Gassenprinzip in der Ausrichtung der Balkone – nicht auf den sonnigen Süden mit dem Park, sondern nach innen. Das respektiert die Öffentlichkeit des Parkraums und belebt zugleich die Gasse. Für Privatsphäre sorgen die Pflanzenvorhänge der begrünten Balkonvorbauten.

Wachsen aus dem Umfeld

So städtisch und belebt sich die Wohngasse nach innen gibt, so grün ist sie nach aussen. Hier liegen zwei gegensätzliche Erholungsräume: im Süden der öffentliche Park, im Norden die Gartenwelt. Im Park wie in der Siedlung ist die Freiraumgestaltung stets Antwort auf das unmittelbare Umfeld, seine Gegebenheiten und Bedürfnisse: Die gemeinschaftlichen Siedlungsgärten grenzen an die Gärten der Nachbarschaft, der Park an die öffentlichen Sportflächen und die Landschaft jenseits der Strasse. Vegetation, Erschliessung und verbindende  Räume verknüpfen die Nutzungen untereinander und die neuen Elemente mit dem Stadtkörper. Die Aussenraumgestaltung bietet Räume und Zonen, die stark genug sind, um dem Wandel, der Teil des Planungs- und Bauprozesses ist, standhalten zu können. Sie sind nicht fertig gestaltete Orte, sondern Einladung und Ausgangspunkt.

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Klima schafft Atmosphäre


Nicht nur das soziale Klima, auch das meteorologische wurde an der Huebergass vorausschauend berücksichtigt. Eingesenkte Kiesflächen, in denen Schattenbäume und Spontanvegetation wachsen, gliedern den Gassenraum. Sie sind nicht nur wertvolle Aufenthaltsräume, sondern auch höchst leistungsfähige Sickerflächen mit Baumarten, die an solch wechselfeuchten Standorten gedeihen. Die Kombination der Sickerflächen mit einer leichten Modellierung des umgebenden Asphalts stellt auch im Fall einer temporären Überflutung trockene Wege zu den Gebäuden sicher. Die Gasse ist auf Starkregen und Hitzewellen vorbereitet.

Fotos: Susanne Goldschmid